Die Evangelischen Sonntagszeitung berichtet über die Arbeit der Ehrenamtsakademie
(Ausgabe Nr. 33 vom 14. August 2009)
zum Artikel in der Online-Ausgabe der ESZ
Wie führe ich ein Personalgespräch?
Aufbau regionaler Ehrenamtsakademien ist weit fortgeschritten – Vorbereitung auf eine sich wandelnde Kirche
Pfarrerin Helga Engler-Heidle, Geschäftsführerin der Ehrenamtsakademie und Kuratoriumsvorsitzender Heinz Ufer betrachten die in der Kirche engagierten Ehrenamtlichen als einen großen Schatz, mit dem sorgfältig umgegangen werden muss.
DARMSTADT. Ehrenamtliche auf ihre Aufgaben vorbereiten, Frustrationen verhindern und die Arbeit insgesamt wertschätzen: Mit diesen Zielen war 2003 die Verabschiedung des Ehrenamtsgesetzes der hessen-nassauischen Kirche verbunden. Inzwischen gibt es zwölf regionale Ehrenamtsakademien, drei weitere sind bereits im Aufbau.
Drei Zentimeter dick, knapp 700 Seiten stark: Der gesamtkirchliche Haushaltsplan hat es in sich. Lesen und vor allem verstehen sollen ihn auch Menschen, die von Haus aus nichts mit Rechnungswesen, Buchhaltung oder sonstigen Finanzaufgaben zu tun haben. Behilflich sind den ehrenamtlichen Synodalen bei dieser Aufgabe die Angebote der Ehrenamtsakademie.
»Wir holen Praktiker für Praktiker«, skizziert Heinz Ufer die Arbeit der Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Der Kuratoriumsvorsitzende der Akademie sagt das nicht ohne Stolz. Seit drei Jahren beschäftigen sich die Leiterin der Geschäftsstelle, Pfarrerin Helga Engler-Heidle, und das beratende Kuratorium mit dem Aufbau der regionalen Akademien. Drei Jahre später gibt es bereits zwölf davon mit Dekanaten, in einigen Monaten werden es 15 Akademien mit 35 von insgesamt 48 Dekanaten sein.
Vielfältige Themen
In der Regel tun sich zwei, hin und wieder auch drei oder vier Dekanate zusammen und gründen eine regionale Ehrenamtsakademie. Deren Aufgabe ist es dann, Fortbildungen für ehrenamtliche Leitungskräfte – immerhin rund 15 000 Frauen und Männer innerhalb der EKHN – sowie Veranstaltungen zum Thema Ehrenamt zu organisieren. Welche Fortbildungen angeboten werden, wird vor Ort entschieden. Themen sind etwa »Wie führe ich als Kirchenvorstand ein Personalgespräch?«, »Wie leite ich eine Gemeindeversammlung?« oder »Wie gehe ich mit Konflikten in der Gemeinde um?«.
Referenten haben kirchliche Strukturen und Anforderungen im Blick
Pfarrerin Helga Engler-Heidle hat einige Module, die sie anbietet, und die Ansprechpartner in den Dekanaten wissen, welches Problem dort gerade präsent ist. Oft, so Engler-Heidle, entsteht ein Angebot aus dieser Kombination. Wenn das Thema klar ist, vermittelt sie Referenten, die häufig aus den Zentren der Kirche oder aus deren Verwaltung kommen und die kirchlichen Strukturen und Anforderungen im Blick haben.
Die Akademie sei aus der Synode heraus entstanden, sagt Heinz Ufer, der damals Vorsitzender des Verwaltungsausschusses war. Den Synodalen sei klar gewesen, dass die großen Reformen, die in der EKHN anstehen, nicht ohne massive Mithilfe der Ehrenamtlichen zu bewältigen sind. Zudem habe es viel Frustration gegeben.
Menschen werden für das Ehrenamt gewonnen
»Wenn etwa jemand als Banker seinen Sachverstand einbringen wollte und damit auf taube Ohren gestoßen ist, waren die Leute frustriert«, erzählt Ufer. Aber die Bank habe nun mal eine andere Philosophie als die Kirche: »Die Bank will Geld verdienen, die Kirche will es vernünftig ausgeben.« Heute wird der Banker durch Seminare der Ehrenamtsakademie mit der Philosophie der Kirche und den Aufgaben des Kirchenvorstands vertraut gemacht und lernt so, von der Kirche her zu denken. Einen weiteren Vorteil sieht Engler-Heidle darin, dass mit der Akademie selbst auch Menschen für das Ehrenamt gewonnen werden können. »Sie signalisiert den Menschen, dass sie mit ihren Aufgaben und Problemen nicht alleine gelassen werden.«
Dass gilt für alle leitenden Ehrenamtlichen, auch die Kirchensynodalen. Auch sie werden mit Seminaren auf ihre Aufgaben vorbereitet. Sie erfahren, was in den Ausschüssen passiert und welche zeitlichen Anforderungen etwa mit dem Finanz- oder dem Öffentlichkeitsausschuss verbunden sind. Die Präsides wiederum leiten die Kirche auf Dekanatsebene. Dennoch gab es für sie kaum eine Hilfestellung, wie sie ihre Aufgaben bewältigen sollen. Inzwischen gibt es auch für sie Fortbildungen, bei denen sie nicht nur Fakten lernen, sondern auch mit anderen ins Gespräch kommen.
Festgehalten ist im Ehrenamtsgesetz auch der Auftrag, das Ehrenamt weiterzuentwickeln. Perspektivisch, so Ufer, müssten die Menschen mit Hilfe der Akademie auf eine im Wandel begriffene Kirche vorbereitet werden. Faktisch reagiere die Akademie auf die bereits vorhandenen Anforderungen. Um dies zu ändern, müsse die Akademie allerdings personell ausgebaut werden. Derzeit gibt es mit Pfarrerin Engler-Heidle eine vollen Stelle für die Geschäftsleitung, eine halbe Stelle für das Sekretariat und eine halbe, bis 2010 befristete Projektstelle.
Synodentagung der EKD zum Thema Ehrenamt
Er freue sich über Signale aus der Synode, so Ufer, dass dieses Problem erkannt sei. Denn anders als ursprünglich im Gesetz vorgesehen, hat sich die Akademie zu einer Fach- und Ansprechstelle für das gesamte Thema Ehrenamt entwickelt und bleibt nicht bei der Fortbildung für Leitende stehen. Derzeit bereitet Helga Engler-Heidle beispielsweise eine Synodentagung der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Ehrenamt mit vor.
Um Ehrenamtlichen ohne Leitungsfunktion einen besseren Service bieten zu können, soll der Internetauftritt der Akademie um ein entsprechendes Portal erweitert werden. »Es gibt bereits Angebote für alle Bereiche des Ehrenamts. Mit dem Portal können sie dann schnell gefunden werden«, erläutert Engler-Heidle.
Ein mögliches Zukunftsthema ist auch mit der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck verbunden. Ein Vertreter dieser Kirche wurde ins Kuratorium der Ehrenamtsakademie berufen. »Er arbeitet mit und sieht, wie wir das machen«, sagt Heinz Ufer. Möglicherweise entsteht daraus langfristig eine gleichwertige Einrichtung in Nordhessen oder eines Tages eine gemeinsame Akademie.
Es gibt eine große Konkurrenz um das ehrenamtliche Engagement
Weitere Aufgaben für die Zukunft sehen die Pfarrerin und der Kuratoriumsvorsitzende in der Weiterentwicklung der Anerkennungskultur. Noch immer gibt es Hauptamtliche, die Ehrenamtler als Hilfskräfte sehen, und nicht überall werden vorhandene Rituale wie etwa Einführungen im Gottesdienst oder die Verleihung von Ehrungen hinreichend praktiziert.
In diese Richtung geht auch die Beschäftigung mit dem Freiwilligenmanagement, für das innerhalb der EKHN derzeit fünf Personen ausgebildet werden. Dabei geht es darum, zu schauen, ob die Strukturen dem Ehrenamt zuträglich sind und wie Hauptamtliche mit Ehrenamtlichen umgehen. »Es gibt eine große Konkurrenz um ehrenamtliches Engagement«, sagt Engler-Heidle, »wir können es uns einfach nicht erlauben, unsere Ehrenamtlichen schlecht zu behandeln.«
[Renate Haller]