3. bis 5. September 2010
Sommerakademie Ehrenamt
Materialien zur Sommerakademie
Es war eine Premiere, und sie war erfolgreich. So könnte man zusammenfassen, was am Wochenende vom 3. bis 5. September unter dem erst einmal unverbindlichen Titel „Sommerakademie Ehrenamt“ stattfand. Zum ersten mal hatte die Ehrenamtsakademie der EKHN Ehrenamtliche und Hauptamtliche in Leitungspositionen der Kirche gemeinsam zu einem Seminarwochenende eingeladen in Kooperation mit dem Zentrum Verkündigung und dem Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision. Und es wurde ihnen einiges abverlangt. Aber – und das war wohl für die meisten das wichtigste Ergebnis – sie konnten bereichert und gestärkt für ihren Dienst in der Kirche nach Hause fahren.
Die fast 50 Teilnehmenden, von denen gut zwei Drittel ehrenamtlich Tätige waren, befassten sich mit den unterschiedlichen Themen, für die sie in ihren jeweiligen Zusammenhängen Verantwortung tragen: rechtliche Rahmenbedingungen, Liturgie, neue Lebensordnung der EKHN, Bewältigung von Konflikten und Gewinnung von Ehrenamtlichen.
Für alle bereichernd war der Vortrag von Prof. Dr. Peter Scherle, Professor für Kybernetik und Kirchentheorie und verantwortlich für die Ausbildung der Vikare in der EKHN. Er führt in den Begriff der „Geistlichen Leitung“ ein. Er machte deutlich, dass dafür keineswegs die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Theologie Voraussetzung ist. Geistliche Leitung in der evangelischen Kirche bedeute nach Luthers Satz vom Priestertum aller Getauften, dass es etwa in einer Kirchenvorstandssitzung nichts gebe, was “nicht geistlich“ sei. „Auch wenn Sie den Haushalt beraten, geschieht dies im Licht des Evangeliums“, sagte Scherle.
Er unterschied die verschiedenen Aufgaben der geistlichen Leitung in drei Bereiche. Das „normative Management“ liege bei den Ordinierten, also den Pfarrerinnen und Pfarrern, die die Horizonte des Evangeliums in den Leitungsprozess einbringen sollten. Aufgabe des „strategischen Managements“, wahrgenommen vom Kirchenvorstand, sei es, die Richtung der Arbeit festzulegen, dabei die genannten Horizonte einzubeziehen und zu klären, was zu tun und was zu lassen ist. Das „operative Management“ schließlich, ausgeführt von den jeweils für eine Aufgabe Verantwortlichen, organisiere die Umsetzung von Entscheidungen.
Das evangelische „allgemeine Priestertum“ kenne keine Statusunterschiede nach Herkunft, Geschlecht oder einen vermeintlich „geistlichen Stand“, sagte Scherle. Auch könne es entlastend sein zu wissen, dass alle Menschen irren und ihnen Fehler vergeben werden könnten.
Im Gespräch mit EKHN-Kirchenpräsident Dr.Volker Jung nutzen die Teilnehmenden nach ihren Workshops die Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen und zu diskutieren.
Dabei ging es um die neue Kirchenordnung, die Lebensordnung, die Finanzen der EKHN und um die Frage, wie der Informationsfluss verbessert werden kann, damit auch Ehrenamtliche sich gut informiert fühlen.
Jung lud ein die „geistliche Leitung“ wirklich gemeinsam wahrzunehmen und riet zu Gelassenheit angesichts der Aufgaben, die vor allem für neugewählte Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher eine Herausforderung seien.
Die Leiterin der Ehrenamtsakademie, Pfarrerin Helga Engler- Heidle hatte den Kirchenpräsidenten zum Gespräch „ Gemeinsam an der Spitze“ eingeladen, da sie insbesondere den Neugewählten die persönliche Begegnung und das Gespräch auf Augenhöhe ermöglichen wollte.
Mit dem Ehrenamt als „Thema der Zukunft“ beschäftigte sich Cornelia Coenen-Marx, Oberkirchenrätin der EKD im Referat Sozial- und Gesellschaftspolitik. Sie erläuterte die Balance, die in der Kirche und in einer Gemeinde notwendig ist, um die gemeinsame Arbeit von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen effektiv und sinnvoll zu gestalten. Auch sie nahm Bezug auf das Priestertum aller Getauften. Das Ehrenamt, so ihre Prognose, werde in einer Kirche, die „kleiner, älter, ärmer an Geld und an hauptamtlichem Personal“ sein werde, immer mehr an Bedeutung gewinnen. Längst ist ja das Ehrenamt eines der Grundprinzipien aller kirchlichen Arbeit. Allein in der EKHN engagieren sich 68.000 Menschen freiwillig und ehrenamtlich neben 21.000 Hauptamtlichen.
Aber wenn man die Frage stelle, welche notwendigen unverzichtbaren Aufgaben künftig Ehrenamtliche übernehmen könnten, müsse man auch berücksichtigen, dass diese sich ebenfalls veränderten. Ehrenamtliche erwarteten Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten für ihr Tun, was sie oft in ihrer beruflichen Tätigkeit vermissten. Wertschätzung, Fortbildungsangebote und Mitsprachemöglichkeiten sind nur einige der Punkte, die heute von denen gefordert würden, die bereit seien, freiwillig für ihre Kirche tätig zu sein. Letztlich zeigt sich nach Coenen-Marx das Ehrenamt durch drei Faktoren bestimmt: Selbstbestimmung, Freiwilligkeit und Verbindlichkeit.
Vor dem Hintergrund, dass überall die finanziellen Ressourcen knapper würden, drehe sich die Diskussion auch um die Gefahr, dass Ehrenamtliche als Lückenbüßer wichtige Aufgaben übernehmen sollten. Coenen-Marx sieht aber in den Einschnitten bei hauptberuflichen Fachkräften auch eine Gefährdung des Potenzials ehrenamtlicher Kräfte. Denn Engagement brauche anregende und begleitende Strukturen, fachliche Impulse und Unterstützung – und diese müssten hauptamtlich geleistet werden. Sie begrüßte die Einrichtung der Ehrenamtsakademie in der EKHN als einen Schritt in die richtige Richtung.
Die Oberkirchenrätin plädierte dafür, den Zugang zum Ehrenamt offener zu gestalten. Noch immer sei es eine evangelische Besonderheit, dass diejenigen, die sich freiwillig in der Kirche engagierten vor allem Menschen seien, die gebildet, finanziell abgesichert und familiär gebunden seien.
Wichtig sei es auch, die Menschen in ihrem Engagement spirituell zu begleiten. Die Kirche könne und ,müsse die Chance nutzen, die religiösen Wurzeln von „Geben und Nehmen“ wieder zu entdecken und sichtbar zu machen.
Die Teilnehmenden an der Sommerakademie fanden sich eingebunden in diese Spiritualität. Tagzeitengebete morgens, mittags und abends und ein Abendmahlsgottesdienst mit Propst Michael Karg am Sonntagmorgen gaben dem Wochenende die notwendige geistliche Dimension. Die musikalische und liturgische Gestaltung hatte das Zentrum Verkündigung übernommen.
An dem Wochenende war viel Zeit für Begegnung und Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Ein Clowneskes Kabarett mit einer Expertin fürs Ehrenamt „Frau Seibold“, alias Dr. Gisela Matthiae, war Höhepunkt des festlichen Samstagabends.
[Lieselotte Wendl]














































