„Unendlich viel Energie, Lebenszeit und Lebensfreude für die Kirche“

Heidi Rosenstock erhält höchste Auszeichnung der EKHN, die Martin Niemöller Medaille


Hier ihre Rede vor der EKHN-Synode am 27.11.2009:

Herr Präses, Herr Kirchenpräsident, liebe Synodale, Freundinnen und Freunde.

Für die Martin Niemöller-Medaille, gestiftet für das Ehrenamt, bedanke ich mich sehr herzlich, und vor allem auch für die Laudatio, die anerkennenden Worte vom Präses und des Kirchenpräsidenten.

Die Laudatorin hat mich hochgelobt, so wie es ihre Aufgabe ist und hat die erfolgreichen Niederlagen ausgelassen.
Erfolgreiche Niederlagen deshalb, weil man vor Stoppschildern neue, zielgenaue Wege finden muß.
Dabei sind mir meistens Aufgaben vor die Füße gefallen, ohne daß es spezielle Aufträge „von oben“ gab. Ich war einfach immer betroffen von bestimmten Situationen.
Organisationsentwicklung nennt dies so: „Nur Beteiligung von Betroffenen setzt Entwicklung in Gang.“

Nun möchte ich der verlockenden Versuchung widerstehen, von alten Zeiten zu erzählen, wie es alte Leute so gerne tun.
Ich hätte auch wunderliche Geschichten. Nein-

Ich möchte vielmehr über die Frage nachdenken, wohin könnte sich das Ehrenamt in unserer Kirche entwickeln, und welche Impulse sind nötig.

In meiner Arbeit in der Gemeinde und als Beraterin hat es mich geschmerzt, dass Ehrenamtliche oft in vorgesagten Glaubenssätzen erzählt haben, wenn es um die eigene Religiosität ging. Sie hatten wohl selten die Gelegenheit zu erleben, wie biblische Geschichte auf ihre eigene berufliche und private Lebensgeschichte trifft.
Ich hatte die Gelegenheit intensiv mit biblischen Texten umzugehen und dabei erlebt, wie manches in meinem Leben ausgeleuchtet wurde, von daher konnte ich in Gebeten und liturgischen Texten Sprache finden.

Martin Niemöller sagt in seinen Dahlemer Predigten „wer die Geschichten des Evangeliums in sein gegenwärtiges Leben nimmt, kann nicht mehr nur Zuschauer sein“.

Vorgefertigte Glaubenssätze, Belehrungen verstellen den lebendigen Zugang zu Gott und sind nur vorläufig. Ich weiß auch, es wird uns vom Evangelium nicht leicht gemacht, in selbstständiger Glaubenshaltung im Kirchenvorstand, in der Synode Entscheidungen zu treffen.

So habe ich es immer als eine der vornehmsten Aufgaben von Theologinnen und Theologen gesehen an der Theologiebildung der Getauften zu arbeiten. (Es geschieht ja, aber zu wenig).
Es ist wichtig, daß wir EA religiös sprachfähig werden und daß es uns gelingt, uns glaubwürdig auszudrücken.
Wo kämen wir hin, wenn nur noch die Theologen und Theologinnen etwas von unserer Religion wissen.
Wenn diese Theologiebildung der Ehrenamtlichen erfolgreich geschieht, dann können Ehrenamtliche selbstbewusst und unabhängig sagen: Ich bin Protestantin, bin Protestant – ich stehe für ein evangelisches Profil besonderer Qualität.
Das würde unsere Kirche reicher, lebendiger und ansehnlicher machen.
Zugleich würde so eine Haltung den befreiungstheologischen Aspekt unserer Theologie deutlich werden lassen.
Wir Ehrenamtlichen haben doch mehr noch als die Hauptamtlichen die Chance diejenigen kirchlichen Strukturen zu hinterfragen, die das Wirken Gottes verhindern. Auch Tabus, Widersprüche, ja sogar Entdeckungen dürfen hinterfragt werden. Es ist befreiend, wenn es gelingt, sich nicht durch formelhafte Antworten abschrecken zu lassen. (Hauptamtliche haben manchmal zu mir gesagt, frag Du mal in der Kirchenleitung, im Leitenden Geistlichen Amt, Dir können sie nichts tun. Auch wenn manche Antworten unbefriedigend waren, ich bin sicher, sie hatten eine Wirkungsgeschichte.)

Sie haben nun gehört, daß ich mich besonders um Feministische Theologie und um eine gerechte Sprache gekümmert habe.
Zu diesen Themen sind mir immer wieder neue Aufgabenfelder zugefallen. Und nicht nur mir, sondern vor allem zuallererst waren es ehrenamtliche Frauen, die eine frauengerechte Sprache gefordert haben.
Es war eine ehrenamtliche Synodale die für den noch zu gründenden Verein zur Förderung der Feministischen Theologie in Forschung und Lehre 10.000 DM gestiftete hat.
Theologen und Theologinnen haben diese Themen mit ihrem Expertenwissen weitergetrieben.
Dass unsere Kirche das Projekt „Bibel in gerechter Sprache“ möglich gemacht hat, gehört zu ihrem herausragenden Image und ich bin stolz auf die EKHN. Jeder Versuch einer Landeskirche, theologische Themen aufzugreifen - und nicht nur Theologie zu verwalten-, geraten ihr zur Ehre. Dieses Projekt war von Anfang an auf Dialog angelegt. Die Aufregung nach dem Erscheinen der Übersetzung zeigt, daß wir in dieser Hinsicht Nachholbedarf haben.

Mit einem Überschuß an Hoffnung, ohne den wir Christinnen und Christen nicht auskommen, bin ich gewiß:
Dass das Leben aller Menschen in der Theologie vorkommen wird.
Feministische Theologie wird eine anerkannte integrierte Disziplin im Fachbereich sein. Aus den jetzt 7% Professorinnen an den Unis werden 50%.
Eine gerechte Sprache in Gottesdienst, im kirchlichen Schriftverkehr und in Ordnungstexten wird selbstverständlich.
Als letztes gilt für uns Ehrenamtliche, dass wir trotz der Verwurzelung und trotz der Liebe zu unserer Kirche eine Fähigkeit zur Distanz, einem kritischen Abstand, entwickeln dürfen.
Aus der Distanz die liebenswerte Wirklichkeit aller Dinge sehn, das ist eine Seelenhaltung, die uns gut ansteht. Warum sollten wir keinen Humor haben, er ist die einzige Möglichkeit selbstgemachten Schwierigkeiten mit Gelassenheit und mit fehlerfreundlicher Haltung zu begegnen.
Wir dürfen das Fernglas ruhig einmal rumdrehen und manches Problem mit liebevollem Fernblick betrachten. Das löst so manchen Nahkampf.
Zuletzt danke ich allen haupt- und ehrenamtlichen Frauen und Männern, die mich unterstützt, und getragen haben, die meinen Glauben gestärkt und die mit mir immer fröhlich und mit Leidenschaft bei der Arbeit waren.
Ich habe nirgends so viel gelacht, so gerne gesungen und so gut gegessen wie bei Kirchens.

Danke

Heidi Rosenstock